Frau Schwendimann lebt schon seit Ewigkeiten in Hells Kitchen. Als die Bürger noch unbeschwert um den Maibaum tanzten und Blumengirlanden in die Haare flochten. Igor der Balkanspezialist pflegt zu sagen, dass Frau Schwendimann schon damals, als sein Vater vor 40 Jahren mit einem einzigen Koffer aus Serbien in die Schweiz eingereist war, graue Haare hatte. Beim alljährlichen Tanz in den Wonnemonat Mai konnte Frau Schwendimann lediglich die bunten Bänder um den Stamm, aber keinen Mann um den Finger wickeln. Also kaufte sie sich nach Jahren der Einsamkeit Wilhelm Tell, einen Zwergpinscher und besten Freund, der die Rolle des Beschützers trotz Frau Schwendimanns «Platz, Sitz, Gang, Schnapp», Hundeschule und Belohnungs-Frolics einfach nicht übernehmen konnte, oder wollte. Stattdessen pinkelte er die grösseren Hunde an, um anschliessend zitternd und winselnd in Frau Schwendimanns Arme zu hüpfen, wenn Dobermann Orca, Rottweiler Tyrex oder Sivas Kanga Wüstenprinz die Zähne fletschten und ihn locker mit einem Bissen verschluckt hätten. Frau Schwendimann ist eine Patriotin und liebt ihr Land heiss und innig. Trotz jedem noch so verlockenden Schnäppchen-Reiseangebot, würde sie dieses niemals im Leben auch nur für ein paar Tage verlassen. Auf der Ägi-Alp liebkost sie ein Mal im Jahr feierlich den Mittelpunkt der Schweiz, in Engelberg erholt sie sich von den multikulturellen Bombardements Hells Kitchens und auf dem Schilthorn fühlt sie sich wie in einem Karussell der Basler Herbstmesse, nur eben in luftiger Höhe und in Gesellschaft von Japanern.
Es erstaunte keinen ihrer Nachbarn, als sie eines Tages das dritte Familienmitglied, das bei ihr einzog, General Guisan taufte. Der quietschgelbe Kanarienvogel-General sollte sprechen lernen, um Frau Schwendimann beim morgendlichen Müsli-Festival während hitzigen Debatten über die Zeitungsschlagzeilen als Diskussionspartner zu unterstützen. Was bei einem Kanarienvogel ein Ding der Unmöglichkeit ist, jedoch Frau Schwendimann nicht begreifen wollte und sie etwas für die Schweiz sehr untypisches machte, denn im Kanarienvogel-Gate, pfiff Frau Schwendimann auf Sätze wie «Es isch immer scho so gsih, was wotsch mache!» und betete dem lerngestörten Vogel jeden Tag das Alphabet und neue Wörtli vor. Ohne Erfolg.
Seit dem Tanz in den Mai hatte sich nicht nur Frau Schwendimanns Trostlosigkeit vergrössert, sondern auch die Einwohnerzahl von Hells Kitchen. Was bei Frau Schwendimann neue Ängste schürte und noch mehr Misstrauen säte. Die vielen Bewohner, die laut, schwatzend, streitend und lachend Hells Kitchen zunehmend bevölkerten, stammten aus Breitengraden, die Frau Schwendimann nur aus Zeitungen, vom Hören Sagen, aus Reiseprospekten oder aus dem Fernsehen kannte und um die sie grundsätzlich einen Bogen machte. «Was meinet Sie, wo mer alli ane chömmit, wänns do jedä i’s Land leu? Wo blibet de mir?» »Mir« umschrieb die Urbevölkerung der Schweiz, in der Frau Schwendimann den baldigen Untergang sowie deren Aussterben vermutete, sollten noch mehr Fremdlinge das kleine Land inmitten Europas überschwemmen, besetzen und eines Tages unter sich aufteilen. Wohin mit den restlichen paar verschupften Schweizern?

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[...] Fortsetzung…Hells Kitchens Ureinwohner II Hells Kitchen, featured [...]
Gepostet am Oktober 23rd, 2009 at 11:32
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