Saturday, September 4, 2010

~4~ Liebesgeflüster…im Namen der Ehre

Gepostet von Lucy Lu am Oktober - 23 - 2009

hells_cherryGiovanni der Don Siciliano, seines Zeichens Nicht-Italiener jedoch stolzer Sizilianer, heulte seinen süditalienischen Zitronenbäumen nach und guckte jedem Rock hinterher. «Weisste du, bei uns in Sitschilija, iste das Leben noch Leben, capisch? Nichte so eng und streng wie in diese komische Kaff!» «Was wänd Sie denn do? Hä? Und was isch mit dr Mafia? Und Ihrem komischä Präsident mit sinä gfärbtä Perrücke? Das isch ja en richtige Bock! Gumped uf jedes Wieb!» Mustafa tätschelte beruhigend Frau Schwendimanns Schulter und servierte Lokum. «Ma Signora Schwendimanne, bine ich wegen Amore ire gelandet und jetzte in diese Kanal stecken geblieben!» Giovanni der Don war wie alle seine Altersgenossen als zwanzigjähriger, braungebrannter Jüngling an den idyllischen Sandstränden des Parco dello Zingaro flaniert und hatte weibliche Touristinnen mit seinem Charme umgarnt. Bis er sie sah, zu ihrem Badetuch stolperte und die Sonnenbrand geplagte Touristin eroberte. Sandra. Verzückt lauschte Sandra dem Singsang ihres Verehrers und Nachkommen Cäsars und schmolz wie ein Gelato in der Sonne.

hells_italyKomplett in seinen Bann gezogen, verlängerte Sandra ihren Aufenthalt am Fusse des Ätna, tauchte kopfüber in den Schoss der italienischen Grossfamilie ein, verlobte sich mit Giovanni und kehrte Monate später mitsamt ihrem italienischen Lover, säckeweise Prosciuto, Olivenöl, getrockneten Tomaten und sizilianischen Leckerein in die Schweiz zurück. Bis die böse schweizerische Schweigermutter diese »amore stupendo« vergrätzte und Sandra ihren heissblütigen Don quasi vor dem Traualtar stehen liess. So jedenfalls beschrieb Giovanni seine unterdessen verflossene Shakespeare in Love Romanze. «Nichte Male meine italienische Mamma atte so eine Einfluss auf misch, wie diese Mamma-Hexe vone Sandra! Strega! Amore mio! Wase ich solle machen ohne sie? Porca miseria!» Frau Schwendimanns Version unterschied sich wesentlich von seiner, denn dieser nach hätte Giovanni der Don in der Schweiz sein wahres Gesicht gezeigt und sei, getrieben von seinem feurigen Temperament, das er nicht hatte zügeln können, der Vielweiberei erlegen.

Was natürlich in einem Örtchen wie Hells Kitchen nicht verborgen blieb und Sandra eines Tages die knallroten Kleckser auf seinem Hemd eindeutig als Lippenstiftflecke und nicht als Ketchup identifizierte, die zweifelsohne nicht aus ihrem Schminktäschchen stammten, da sie nicht so auffällige und knallige Farben wie die aufgedonnerten Ausländerinnen bevorzugte. «Und dänn het er no vo ihre verlanget, dass sie sich es Chopftuech ume bindet, so wie sini italienischi Grossmueter! Schtellet Sie sich das mal vor! Das giht’s doch nöd! Die sind ja no schlimmer als d Dürke!» Igor der Balkanspezialist hingegen sah gemäss seiner serbischen Macho-Mentalität in Sandy die Ausgeburt des Bösen und witterte eine Verschwörung, Intrige sowie einen hinterlistigen Tritt in Giovanns Hintern, weil Sandra garantiert schon länger mehrere Eisen im Feuer geschmolzen hätte, um den winselnden Verflossenen wieder zurück nach Bella Italia zu spedieren.

hells_serbiaSo wie alle Frauen das taten und für das Scheitern einer Beziehung verantwortlich waren. «Was meint ihr denn, warum wir serbischen Männer auf unseren Hosen bestehen? Wir sind doch nicht blöd! Erlaubst du einer Frau ein einziges Mal, auch nur Hotpants anzuziehen, hast du gnadenlos verloren! Sie wird dich auf alle Ewigkeiten zermürben, dein Konto plündern und dir den ganzes Hab und Gut enteignen. Also muss man Weiber an einer sehr, sehr kurzen Leine halten!» Was Igor in seinem Plädoyer ausser Acht gelassen hatte, war der Umstand, dass er gerade deswegen ein Single war und auf Ewigkeiten bleiben würde und dass Typen wie er, das (un-) glückliche Händchen für genau diese Kaste Frauen hatten. Die betrogene und inzwischen vom Feuer der Sonne geheilte Sandra warf Giovanni den Liebesgott hochkantig aus der frisch bezogenen Wohnung und flirtete unter dem Motto »was Du kannst, kann ich noch besser« mit den Bauarbeitern vor ihrem Haus, was Igor in seiner Theorie bestätigte und während Giovanni jammernd oberhalb des »Kral Kebabs« eine Notunterkunft fand und Abends die weiblichen Gäste bezirte. «Wase solle ich sonste machen in diese kalte Land? Aber isch kanne trotzedeme diese Frauen nischt verstehen!» Igor und Mustafa nickten zustimmend und ergänzten, dass es im Grunde genommen piepegal sei, woher man(n) stammte, aber eine Frau zu verstehen ungefähr dem Umstand gleichkäme, aus dem Globus ein Polygon formen zu wollen und eine friedliche Welt daraus zu machen. Ein Ding der Unmöglichkeit. «Frag mich, mein Freund,», bestätigte Mustafa: «eine Frau, vier Töchter und nur die halbherzige Unterstützung eines Sohnes, den sie aber auch schon unter ihrer Fuchtel haben! Kommt, wir trinken Raki. Frau Schwendimann, stossen Sie mit uns an, das fördert die Durchblutung, ist ein altes türkisches Hausrezept.» Pröschtli.

Das ist Hells Kitchen. Oder ein Teil davon. Natürlich wimmelt es in Teufels Küche von weiteren Nachbarn, Pendlern, Grenzgängern, Besuchern und Schaulustigen, aber Mustafas Kebab-Tempel und Igors Balkan-Palast bilden sozusagen die Plattform der Geschehnisse rund um und in Hells Kitchen. 298 Meter über Meer, eingekreist von Wäldern, blökenden Schafen und Umfahrungsstrassen mit Verkehrskollaps.

Author: Lucy Lu

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2 Responses

  1. Okzident trifft Orient in Hells Kitchen III | Said,

    [...] Fortsetzung…Liebesgeflüster…im Namen der Ehre Hells Kitchen, featured [...]

    Gepostet am Oktober 23rd, 2009 at 12:45

  2. ~3~ Okzident trifft Orient in Hells Kitchen | Said,

    [...] Fortsetzung…Liebesgeflüster…im Namen der Ehre [...]

    Gepostet am November 23rd, 2009 at 14:47

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