Wednesday, March 10, 2010

~3~ Okzident trifft Orient in Hells Kitchen

Gepostet von Lucy Lu am Oktober - 23 - 2009

hells_turkey_mxsMustafa aus Ankara war vor 30 Jahren im Zuge eines Studentenausfluges als Tourist durch die Schweiz gereist und hatte sich spontan und heftig in das Land mit den hohen Bergen, glasklaren Seen und dem putzigen Dialekt, den er zwar nicht verstand aber dennoch mochte, verliebt. So beschloss er, sich von seiner türkischen Heimat zu verabschieden und seine Existenz neu zu gründen. Ob es zu oft regnete, die Sonne zu selten schien und niemand vor den Häusern auf Bänken sass, um mit den Passanten zu plaudern, störte ihn nicht sonderlich. So schlug er eines Tages seine Zelte in Hells Kitchen auf, begrüsste Frau Schwendimann mit einem herzlichen Lächeln sowie einem Baklava-Teller und stellte sich als Mustafa aus Ankara vor, der einen tollen Job in einer Uhrenfabrik erhalten hatte und sich auf sein neues Leben freute. Nach ein paar Jahren harter Arbeit und viel Erspartem, eröffnete Mustafa seinen Kebab-Laden »Kral Kebab«, was so viel wie »Königs Kebab« bedeutet, heiratete die schöne Melek aus Kusadasi (die Geburtsstätte der schönsten aller Türkinnen) und feierte ein rauschendes Nach-Hochzeitsfest mit sämtlichen Nachbarn und Bewohnern aus Hells Kitchen. Frau Schwendimann blieb der Sause zwar demonstrativ fern, verfolgte aber vom Balkon aus und in Gesellschaft ihrer beiden Gspänli Wilhelm Tell und General Guisan, argwöhnisch die feiernden Partygäste. Die Nummer des Notrufs hatte sie vorsichtshalber schon eingestellt, falls ein Dürüm Feuer fing, eine Rauferei entstand oder durch die Lautstärke von Tarkans «Kiss Kiss» ihre akkurat an die Wände gehängten Stiche prähistorischer Hells Kitchen-Landschaftsbilder, von den Wänden krachten.

Als Mustafa und Melek die Geburt ihres zweiten Kindes verkündeten, schlug Frau Schwendimann ein Kreuz und stöhnte: «Jetzt händs scho s zweite! Das ischt eine Schtrategie! Gsähnd Sie das denn nöd? Das isch en Blan! Ausgeklügelt und mit einer für uns Schweizer äusserst bedrohlichen Zukunft! Sie nisten sich bei uns ein, kaufen Häuser, eröffnen Läden, gebären haufenweise Kinder und schwupp werden sie in nur wenigen Jahren die Mehrheit in unserem Land bilden! Das ist eine Katastrophe! Wir werden islamisiert!» Als die Zwillinge Muhammed und Mehtab zur Welt kamen und Melodi und Malika zwei neue Spielkameraden erhielten, hüpfte Mustafa aus Ankara im Quadrat und spendierte eine Grillparty nach türkischer Art, während Frau Schwendimann mit Blaulicht ins örtliche Krankenhaus gefahren werden musste. Ihr Kreislauf war kollabiert und weder Mustafas Derwisch-Fleischspiesschen noch Meleks liebevoll angerichtete Zuckerbomben konnten Frau Schwendimanns Zusammenbruch verhindern. «Pah! Haben wir es nicht schon immer gewusst? Aber wer hört schon auf uns Serben?» Niemand. Igor der Balkanspezialist, in dessen »Balkan Palace« von Lebensmitteln, Kleinkrediten, Pre-Paid-Karten in den Kongo bis hin zu Autoersatzteilen eines Mercedes aus den Sechzigern alles gekauft werden konnte, was zum Leben notwendig oder überflüssig war, focht einen heimlichen, wenn auch nicht so ganz ernst gemeinten, Konkurrenzkampf mit Mustafa aus.

hells_turkey«Wir haben Europa vor den Osmanen bewahrt, bei uns hockten sie 500 Jahre lang, haben die Hälfte unseres Wortschatzes und der Rezepte geklaut, bevor wir sie wieder losgeworden sind! Und wie danken sie es uns? Indem sie die Unabhängigkeit des Kosovo, Serbiens Herzstück, anerkennen und uns noch weniger akzeptieren! Das ist nicht gut!» War es in der Tat nicht. Doch hatten die Osmanen den Serben weitaus mehr hinterlassen, als diese jemals eingestehen würden und verfolgte man vereinzelte Stammbäume, tief in deren Verästelungen orientalische Namen wie Severioglu lesbar wären, die heute als griechisch orthodoxe Severovic gehandelt würde. Aber nicht nur deswegen schwabbelte eine Wolke des Unbehagens über den Köpfen der Menschheit. Politik ist die grösste aller Huren, sagt man.

Immer öfter beschlich mich das Gefühl, Religionen, Kulturen und Breitengrade hin oder her, dass wir, nicht nur in Hells Kitchen, immer mehr einer im-Namen-der-Rose-Zeit entgegen drifteten, als auch nur ansatzweise open minded zu sein, da immer mehr Verbotsschilder unsere eh schon beschränkte Sichtweisen noch mehr verdeckten und ich darauf wartete, von einem glatzköpfigen Mönch beim Lachen bestraft zu werden. «Soll ich Frau Schwendimann morgen besuchen? Ich könnte ihr eine serbische Hühnersuppe kochen, das bringt ihren Kreislauf wieder in Schwung.» Ich bezweifelte um die heilende Wirkung eines serbischen Güggelsüpplis und riet Igor, sich um den schwarz gekleideten Balkan-Business-Man zu kümmern, der an seinem Tresen lehnte und Igor Immobilien auf den restlichen paar Metern serbischer Küste andrehen wollte. Zum absoluten Geiz-ist-Geil-Preis. Mustafa und Melek liebten sich heiss und innig und besiegelten ihr Liebes- und Familienglück in den nächsten zwei Jahren mit einer weiteren Tochter. Parallel zur Expansion von »Kral Kebab« vervollständigte Baby Manolia den Clan und ergänzte Mustafa daraufhin stolz sein Firmenlogo mit sieben goldenen Sternen. Kebab-Deluxe. Wie es Frau Schwendimann unterdessen ging? Wilhelm Tell, des Menschen bester Freund, knurrte zwar jedes Mal pflichtbewusst, spazierte er an der Seite seines Frauchens am Kebab-Laden vorbei, verspeiste jedoch die von der türkischen Familie für ihn bereitgestellten Fleischstückchen Schwanz wedelnd. Also legte sich Frau Schwendimann ihrerseits eine Strategie zu, die besagte, man solle sich seine Feinde zu Freunde machen, damit man sie besser unter Kontrolle hätte und grinste, wenn auch schief, wohl oder übel zu Mustafas, Igors oder sonstigen Witzchen ausländischer Besatzer.

Fortsetzung…Liebesgeflüster…im Namen der Ehre

Author: Lucy Lu

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2 Responses

  1. Hells Kitchens Ureinwohner II | Said,

    [...] Okzident trifft Orient in Hells Kitchen III [...]

    Gepostet am Oktober 23rd, 2009 at 11:52

  2. ~2~ Hells Kitchens Ureinwohner | Said,

    [...] Fortsetzung…Hells Kitchens Ureinwohner II Hells Kitchen, featured [...]

    Gepostet am November 23rd, 2009 at 14:46

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