Sunday, February 5, 2012

Archive für Oktober, 2009

~3~ Okzident trifft Orient in Hells Kitchen

Posted by Lucy Lu On Oktober - 23 - 2009

hells_turkey_mxsMustafa aus Ankara war vor 30 Jahren im Zuge eines Studentenausfluges als Tourist durch die Schweiz gereist und hatte sich spontan und heftig in das Land mit den hohen Bergen, glasklaren Seen und dem putzigen Dialekt, den er zwar nicht verstand aber dennoch mochte, verliebt. So beschloss er, sich von seiner türkischen Heimat zu verabschieden und seine Existenz neu zu gründen. Ob es zu oft regnete, die Sonne zu selten schien und niemand vor den Häusern auf Bänken sass, um mit den Passanten zu plaudern, störte ihn nicht sonderlich. So schlug er eines Tages seine Zelte in Hells Kitchen auf, begrüsste Frau Schwendimann mit einem herzlichen Lächeln sowie einem Baklava-Teller und stellte sich als Mustafa aus Ankara vor, der einen tollen Job in einer Uhrenfabrik erhalten hatte und sich auf sein neues Leben freute. Nach ein paar Jahren harter Arbeit und viel Erspartem, eröffnete Mustafa seinen Kebab-Laden »Kral Kebab«, was so viel wie »Königs Kebab« bedeutet, heiratete die schöne Melek aus Kusadasi (die Geburtsstätte der schönsten aller Türkinnen) und feierte ein rauschendes Nach-Hochzeitsfest mit sämtlichen Nachbarn und Bewohnern aus Hells Kitchen. Frau Schwendimann blieb der Sause zwar demonstrativ fern, verfolgte aber vom Balkon aus und in Gesellschaft ihrer beiden Gspänli Wilhelm Tell und General Guisan, argwöhnisch die feiernden Partygäste. Die Nummer des Notrufs hatte sie vorsichtshalber schon eingestellt, falls ein Dürüm Feuer fing, eine Rauferei entstand oder durch die Lautstärke von Tarkans «Kiss Kiss» ihre akkurat an die Wände gehängten Stiche prähistorischer Hells Kitchen-Landschaftsbilder, von den Wänden krachten.

Als Mustafa und Melek die Geburt ihres zweiten Kindes verkündeten, schlug Frau Schwendimann ein Kreuz und stöhnte: «Jetzt händs scho s zweite! Das ischt eine Schtrategie! Gsähnd Sie das denn nöd? Das isch en Blan! Ausgeklügelt und mit einer für uns Schweizer äusserst bedrohlichen Zukunft! Sie nisten sich bei uns ein, kaufen Häuser, eröffnen Läden, gebären haufenweise Kinder und schwupp werden sie in nur wenigen Jahren die Mehrheit in unserem Land bilden! Das ist eine Katastrophe! Wir werden islamisiert!» Als die Zwillinge Muhammed und Mehtab zur Welt kamen und Melodi und Malika zwei neue Spielkameraden erhielten, hüpfte Mustafa aus Ankara im Quadrat und spendierte eine Grillparty nach türkischer Art, während Frau Schwendimann mit Blaulicht ins örtliche Krankenhaus gefahren werden musste. Ihr Kreislauf war kollabiert und weder Mustafas Derwisch-Fleischspiesschen noch Meleks liebevoll angerichtete Zuckerbomben konnten Frau Schwendimanns Zusammenbruch verhindern. «Pah! Haben wir es nicht schon immer gewusst? Aber wer hört schon auf uns Serben?» Niemand. Igor der Balkanspezialist, in dessen »Balkan Palace« von Lebensmitteln, Kleinkrediten, Pre-Paid-Karten in den Kongo bis hin zu Autoersatzteilen eines Mercedes aus den Sechzigern alles gekauft werden konnte, was zum Leben notwendig oder überflüssig war, focht einen heimlichen, wenn auch nicht so ganz ernst gemeinten, Konkurrenzkampf mit Mustafa aus.

hells_turkey«Wir haben Europa vor den Osmanen bewahrt, bei uns hockten sie 500 Jahre lang, haben die Hälfte unseres Wortschatzes und der Rezepte geklaut, bevor wir sie wieder losgeworden sind! Und wie danken sie es uns? Indem sie die Unabhängigkeit des Kosovo, Serbiens Herzstück, anerkennen und uns noch weniger akzeptieren! Das ist nicht gut!» War es in der Tat nicht. Doch hatten die Osmanen den Serben weitaus mehr hinterlassen, als diese jemals eingestehen würden und verfolgte man vereinzelte Stammbäume, tief in deren Verästelungen orientalische Namen wie Severioglu lesbar wären, die heute als griechisch orthodoxe Severovic gehandelt würde. Aber nicht nur deswegen schwabbelte eine Wolke des Unbehagens über den Köpfen der Menschheit. Politik ist die grösste aller Huren, sagt man.

Immer öfter beschlich mich das Gefühl, Religionen, Kulturen und Breitengrade hin oder her, dass wir, nicht nur in Hells Kitchen, immer mehr einer im-Namen-der-Rose-Zeit entgegen drifteten, als auch nur ansatzweise open minded zu sein, da immer mehr Verbotsschilder unsere eh schon beschränkte Sichtweisen noch mehr verdeckten und ich darauf wartete, von einem glatzköpfigen Mönch beim Lachen bestraft zu werden. «Soll ich Frau Schwendimann morgen besuchen? Ich könnte ihr eine serbische Hühnersuppe kochen, das bringt ihren Kreislauf wieder in Schwung.» Ich bezweifelte um die heilende Wirkung eines serbischen Güggelsüpplis und riet Igor, sich um den schwarz gekleideten Balkan-Business-Man zu kümmern, der an seinem Tresen lehnte und Igor Immobilien auf den restlichen paar Metern serbischer Küste andrehen wollte. Zum absoluten Geiz-ist-Geil-Preis. Mustafa und Melek liebten sich heiss und innig und besiegelten ihr Liebes- und Familienglück in den nächsten zwei Jahren mit einer weiteren Tochter. Parallel zur Expansion von »Kral Kebab« vervollständigte Baby Manolia den Clan und ergänzte Mustafa daraufhin stolz sein Firmenlogo mit sieben goldenen Sternen. Kebab-Deluxe. Wie es Frau Schwendimann unterdessen ging? Wilhelm Tell, des Menschen bester Freund, knurrte zwar jedes Mal pflichtbewusst, spazierte er an der Seite seines Frauchens am Kebab-Laden vorbei, verspeiste jedoch die von der türkischen Familie für ihn bereitgestellten Fleischstückchen Schwanz wedelnd. Also legte sich Frau Schwendimann ihrerseits eine Strategie zu, die besagte, man solle sich seine Feinde zu Freunde machen, damit man sie besser unter Kontrolle hätte und grinste, wenn auch schief, wohl oder übel zu Mustafas, Igors oder sonstigen Witzchen ausländischer Besatzer.

Fortsetzung…Liebesgeflüster…im Namen der Ehre

Author: Lucy Lu

Real Girl

Posted by Lucy Lu On Oktober - 23 - 2009

~2~ Hells Kitchens Ureinwohner

Posted by Lucy Lu On Oktober - 22 - 2009

hellskitchen_xsFrau Schwendimann lebt schon seit Ewigkeiten in Hells Kitchen. Als die Bürger noch unbeschwert um den Maibaum tanzten und Blumengirlanden in die Haare flochten. Igor der Balkanspezialist pflegt zu sagen, dass Frau Schwendimann schon damals, als sein Vater vor 40 Jahren mit einem einzigen Koffer aus Serbien in die Schweiz eingereist war, graue Haare hatte. Beim alljährlichen Tanz in den Wonnemonat Mai konnte Frau Schwendimann lediglich die bunten Bänder um den Stamm, aber keinen Mann um den Finger wickeln. Also kaufte sie sich nach Jahren der Einsamkeit Wilhelm Tell, einen Zwergpinscher und besten Freund, der die Rolle des Beschützers trotz Frau Schwendimanns «Platz, Sitz, Gang, Schnapp», Hundeschule und Belohnungs-Frolics einfach nicht übernehmen konnte, oder wollte. Stattdessen pinkelte er die grösseren Hunde an, um anschliessend zitternd und winselnd in Frau Schwendimanns Arme zu hüpfen, wenn Dobermann Orca, Rottweiler Tyrex oder Sivas Kanga Wüstenprinz die Zähne fletschten und ihn locker mit einem Bissen verschluckt hätten. Frau Schwendimann ist eine Patriotin und liebt ihr Land heiss und innig. Trotz jedem noch so verlockenden Schnäppchen-Reiseangebot, würde sie dieses niemals im Leben auch nur für ein paar Tage verlassen. Auf der Ägi-Alp liebkost sie ein Mal im Jahr feierlich den Mittelpunkt der Schweiz, in Engelberg erholt sie sich von den multikulturellen Bombardements Hells Kitchens und auf dem Schilthorn fühlt sie sich wie in einem Karussell der Basler Herbstmesse, nur eben in luftiger Höhe und in Gesellschaft von Japanern.

hells_swiss

Es erstaunte keinen ihrer Nachbarn, als sie eines Tages das dritte Familienmitglied, das bei ihr einzog, General Guisan taufte. Der quietschgelbe Kanarienvogel-General sollte sprechen lernen, um Frau Schwendimann beim morgendlichen Müsli-Festival während hitzigen Debatten über die Zeitungsschlagzeilen als Diskussionspartner zu unterstützen. Was bei einem Kanarienvogel ein Ding der Unmöglichkeit ist, jedoch Frau Schwendimann nicht begreifen wollte und sie etwas für die Schweiz sehr untypisches machte, denn im Kanarienvogel-Gate, pfiff Frau Schwendimann auf Sätze wie «Es isch immer scho so gsih, was wotsch mache!» und betete dem lerngestörten Vogel jeden Tag das Alphabet und neue Wörtli vor. Ohne Erfolg.  

Seit dem Tanz in den Mai hatte sich nicht nur Frau Schwendimanns Trostlosigkeit vergrössert, sondern auch die Einwohnerzahl von Hells Kitchen. Was bei Frau Schwendimann neue Ängste schürte und noch mehr Misstrauen säte. Die vielen Bewohner, die laut, schwatzend, streitend und lachend Hells Kitchen zunehmend bevölkerten, stammten aus Breitengraden, die Frau Schwendimann nur aus Zeitungen, vom Hören Sagen, aus Reiseprospekten oder aus dem Fernsehen kannte und um die sie grundsätzlich einen Bogen machte. «Was meinet Sie, wo mer alli ane chömmit, wänns do jedä i’s Land leu? Wo blibet de mir?»  »Mir« umschrieb die Urbevölkerung der Schweiz, in der Frau Schwendimann den baldigen Untergang sowie deren Aussterben vermutete, sollten noch mehr Fremdlinge das kleine Land inmitten Europas überschwemmen, besetzen und eines Tages unter sich aufteilen. Wohin mit den restlichen paar verschupften Schweizern?

Fortsetzung…Hells Kitchens Ureinwohner II

~1~ Willkommen in Hells Kitchen!

Posted by Lucy Lu On Oktober - 22 - 2009

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Waren Sie schon ein Mal in Hells Kitchen? Nein? Kaum zu glauben. Hells Kitchen befindet sich weder in Amerika noch handelt es sich dabei um den geheimen Schlemmertempel der gefürchteten Motorradgang Hells Angels. Teufels Küche entsteht meistens überall dort, wo sich mehr als zwei Menschen aufhalten, in einer Beziehung welcher Art auch immer zu einander stehen, aneinander vorbei laufen, sich anlächeln, anrempeln, etwas sagen, nichts sagen oder was auch immer tun. Oder eben nicht tun.

Das Hells Kitchen, von dem ich Ihnen erzähle, befindet sich 298 Meter über Meer und beherbergt einen Ausländeranteil von 36.9 Prozent. Was bei Frau Schwendimann Venenverengung, Herzrasen und Migräneanfälle verursacht. Betrachtet man sich die geschichtlichen Aspekte dieser ländlichen Gegend, erstaunt der Zuwachs Einwanderer nicht, denn schon in den frühen Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, hatte sich eine romanische Sprachinsel inmitten der einwandernden Alemannen gebildet, die zwischen Keltischen Grabhügeln, Überresten aus der Jungsteinzeit, Grundmauern römischer Gutshöfe und Grabfunden aus dem frühen Mittelalter, ihre Tauschgeschäfte verrichtete und Wein kelterte. Man pilgerte schon damals in diesen kleinen, zwischen Wäldern eingebetteten Ort und weder das grosse Beben von Basel noch sonstige Irrungen und Wirrungen konnten die multikulturellen Schwingungen des Ortes erschüttern. Als der deutsche Kaiser Friedrich III eine immerwährende Steuerfreiheit und das Recht erliess, vom ersten bis dritten Oktober des Jahres einen Markt abzuhalten, waren der Zuwanderung reiselustiger Nicht-Schweizer keine Grenzen mehr gesetzt. Bevor eine Glückswelle Ihren Körper durchströmt und Sie in Gedanken einen Umzug nach Hells Kitchen planen, weil Sie dem irrtümlichen Glauben aufgesessen sind, es handle sich dabei um das wirklich letzte Steuerparadies auf Erden – vergessen Sie es. Es gibt tatsächlich Dinge in diesem kleinen Land Schweiz, die in der Tat geändert werden. Schneller, als einem lieb ist.

Im Laufe der Jahre hatte sich die beschauliche Schweizer Kleinstadt in ein Hells Kitchen entwickelt, das sich immer mehr veränderte und ausweitete. So wie eine Küche eben, in der sich immer mehr Gewürze, Töpfe, Pfannen und Kartoffelschäler ansammeln und wenn sich mehr als nur ein Koch darin befindet, das Ringen um das Regiment der Küche beginnt. Und wie Gewürze einem Essen erst den richtigen Pfiff verpassen, sind es in einer Stadt, einem Quartier, einer Strasse oder einem Haus, deren Bewohner. Meine Nachbarn. Welche Rolle ich dabei spiele? Die einer nicht immer stillen Beobachterin und Erzählerin. Ich bin Lucy Lu. Cosmopolit und Raucherin. Woher ich ursprünglich stamme? Vom Planeten Erde. Obwohl ich manchmal nachts in den Himmel starre und konzentriert lausche, ob ich nicht Schallwellen empfange, die mir signalisieren, dass ich im Grunde genommen die Bürgerin eines anderen Planeten bin und man mich wieder zurück beamen möchte. Mission erfüllt, Menschenkinder gesehen, also nix wie weg. Nichts desto trotz ist es in Hells Kitchen äusserst amüsant und ich muss gestehen, dass einige meiner Nachbarn mein Leben, auf welche Art auch immer, bereichern. Auch wenn es nur dazu dient, immer öfter nachts rauchend auf dem Balkon zu stehen und auf ein extraterritoriales Space Taxi inklusive One-way-Ticket zu warten.

Fortsetzung…Hells Kitchens Ureinwohner

Author: Lucy LuII