…oder der Steuern. Das Unwort des Jahres 2009 heisst »Finanzkrise«, oder »Krise«. Oder »Vertrauensbruch«. Denn die heiligen Schweizer Banken, von den Wall Street Juppies knallhart über den Tisch und in den Abgrund gezogen, erhielten Millionen helfender Schweizer Hände. Pardon Geldbeutel. Denn die Steuergelder der Bevölkerung stopften die Löcher der bis dahin hofierten und chauffierten Untouchables. Lohnerhöhungen stossen sich an der Nullrunde die Köpfe, während alles teuerer wird und der Arbeitsmarkt, bedingt durch noch mehr Stellensuchende, noch härter ist. Zwei dieser helfenden Hände gehörten Frau Schwendimann.
«Händ Sie das gläsä?!» Wilhelm Tell kläffte in der gleich hohen und schrillen Tonlage wie Frau Schwendimann. «Urplötzlich händs Milliarde Gwünn gmacht! Und wüssed Sie was?» Igor der Balkanspezialist schüttelt verneinend den Kopf, während er Brötchen für Frau Schwendimann eintütet. «Die müend nid emol Stüre zahle! Das isch dr Gipfel! E Frächheit! Das ischt ein richtiger Skandal!» Immer dann, wenn Frau Schwendimann einer Aussage mehr Gewicht verleihen wollte, kopierte sie Schweizer Politiker und Militärköpfe – sie sprach »Hochdoitsch«. «Findet Sie das nöd e riese Schweinerei? Sie chlauet Gäld vom eigene Volk!» Frau Schwendimanns Gesicht war mit roten Flecken übersät und sie zitterte. «Doch sicher,», antwortete Igor: «Jugoslawien wurde sogar vom eigenen König beklaut. Angeblich haute dieser eines Tages mit dem ganzen Gold und Geld des damaligen Serbischen Königreichs nach England ab. Der Flieger war dermassen schwer beladen, dass er kaum abheben konnte. So jedenfalls erzählen es unsere Grossväter und Alten.» «Jä und denn?» «Was dann? Nichts dann. Dann kam Tito. Und nach ihm die Sintflut. Und dann ein Scheisskrieg.» «Händ denn d Lüt nüt chönne mache?» «Kann das Schweizer Volk etwas dagegen machen? Mit Trillerpfeifen in Belgrad demonstrieren, Partys auf den Brücken feiern und diese vor den Nato-Bomben schützen, Gemüse pflanzen und Tiere füttern, hat man einen Bauernhof und kann sich selber versorgen. Das konnten wir machen. Gegen die Misere und den Hass der restlichen Welt hingegen sind wir machtlos. Ihr Schweizer demonstriert ja nicht einmal, höchstens die Bauern, oder ihr werft Stiefel nach einer Politikerin. Bringt das was?» Frau Schwendimann sackte zusammen. «Aber es isch doch Himmel Hergott nomahl e risigi Schweinerei und Ungerächtigkeit so öppis! Lueget Sie mich und anderi Räntnär mol ah, wo keini Manager gsih sind!» Frau Schwendimann hatte Recht, denn das Land Schweiz mit seinem laut gepriesenen Sozialsystem und Gut-Menschen-Syndrom, Europas Nest in luftiger Höhe, auf eigenem Baum inmitten eines Waldes und doch autonom, barg so seine Tücken. Trotz vieler Auffangnetze für Nicht-Manager-Banker-Grossverdiener-Abzocker-und-Reiche, befanden sich Löcher in den Netzen, die den freien Fall für Kleinverdiener und Rentner begünstigten. «Müssen Sie denn mit Ihrer kleinen Rente auch Steuern zahlen?»

«Jo sicher,», schnaufte Frau Schwendimann: «läbät Sie uf em Mond? Das isch mini Pflicht als Schwiezerin! Ich zahle au Stüre! Aber im Gegesatz zu denä Bänker, wo au mis Stürgäld gfrässä händ, dörf ich mich nöd absichere oder Resärvä ahlegge! Sie wüssed doch au, dass mir normale Menschä nöd die glieche Rächtä händ wie säb anderi!» Igor kratzte sich am Bauch: «Aha. Soviel zu Ihrem Rechtsystem und Demokratie.» «Was het denne das einte mit em andere z due?» «Viel. Aber dafür müssen die Schweizer nicht nur auf den Tisch hauen, sondern sich gegen diese Ungerechtigkeit einsetzen. Haben Sie keinen Anwalt?» Frau Schwendimann gackerte los: «En Aawalt! Pah! Wo mer 300 Stutz us em Portmonä züchet, bevor dass ich au nur uf sin blöde Stuehl ghocket bin und dänn nummä blöd schnörret? Und nüd macht? Will ja die ganze Lüt wonni söt verchlage, sini Kumpels sind, mit denä er goht go golfe? Sie sind mir jo au en luschtige, Sie! Und wen wot ich überhaupt verklage? Mini Gmeind? Dr Kanton? Oder drBund?» Igor fütterte Wilhelm Tell und antwortete: «Das ist eben das Schweizerische Kantönligeist-Denken, verstehen Sie? Zum Glück waren wir auf dem Balkan davor verschont! Stellen Sie sich mal vor, nachdem sich jede Republik von der anderen abgespalten hat, hätten noch die jugoslawischen Kanton eigene Fahnen gezeichnet, neue Währungen kreiert und nach einem eigenen Staat gebrüllt! Was wäre geschehen? Eine Ansammlung von Zwergstaaten, geführt von Zwergen, die, wenn die Sonne abends tief steht, doch noch grosse Schatten werfen.»
Author: Lucy Lu
Giovanni der Don Siciliano, seines Zeichens Nicht-Italiener jedoch stolzer Sizilianer, heulte seinen süditalienischen Zitronenbäumen nach und guckte jedem Rock hinterher. «Weisste du, bei uns in Sitschilija, iste das Leben noch Leben, capisch? Nichte so eng und streng wie in diese komische Kaff!» «Was wänd Sie denn do? Hä? Und was isch mit dr Mafia? Und Ihrem komischä Präsident mit sinä gfärbtä Perrücke? Das isch ja en richtige Bock! Gumped uf jedes Wieb!» Mustafa tätschelte beruhigend Frau Schwendimanns Schulter und servierte Lokum. «Ma Signora Schwendimanne, bine ich wegen Amore ire gelandet und jetzte in diese Kanal stecken geblieben!» Giovanni der Don war wie alle seine Altersgenossen als zwanzigjähriger, braungebrannter Jüngling an den idyllischen Sandstränden des Parco dello Zingaro flaniert und hatte weibliche Touristinnen mit seinem Charme umgarnt. Bis er sie sah, zu ihrem Badetuch stolperte und die Sonnenbrand geplagte Touristin eroberte. Sandra. Verzückt lauschte Sandra dem Singsang ihres Verehrers und Nachkommen Cäsars und schmolz wie ein Gelato in der Sonne.
Komplett in seinen Bann gezogen, verlängerte Sandra ihren Aufenthalt am Fusse des Ätna, tauchte kopfüber in den Schoss der italienischen Grossfamilie ein, verlobte sich mit Giovanni und kehrte Monate später mitsamt ihrem italienischen Lover, säckeweise Prosciuto, Olivenöl, getrockneten Tomaten und sizilianischen Leckerein in die Schweiz zurück. Bis die böse schweizerische Schweigermutter diese »amore stupendo« vergrätzte und Sandra ihren heissblütigen Don quasi vor dem Traualtar stehen liess. So jedenfalls beschrieb Giovanni seine unterdessen verflossene Shakespeare in Love Romanze. «Nichte Male meine italienische Mamma atte so eine Einfluss auf misch, wie diese Mamma-Hexe vone Sandra! Strega! Amore mio! Wase ich solle machen ohne sie? Porca miseria!» Frau Schwendimanns Version unterschied sich wesentlich von seiner, denn dieser nach hätte Giovanni der Don in der Schweiz sein wahres Gesicht gezeigt und sei, getrieben von seinem feurigen Temperament, das er nicht hatte zügeln können, der Vielweiberei erlegen.
So wie alle Frauen das taten und für das Scheitern einer Beziehung verantwortlich waren. «Was meint ihr denn, warum wir serbischen Männer auf unseren Hosen bestehen? Wir sind doch nicht blöd! Erlaubst du einer Frau ein einziges Mal, auch nur Hotpants anzuziehen, hast du gnadenlos verloren! Sie wird dich auf alle Ewigkeiten zermürben, dein Konto plündern und dir den ganzes Hab und Gut enteignen. Also muss man Weiber an einer sehr, sehr kurzen Leine halten!» Was Igor in seinem Plädoyer ausser Acht gelassen hatte, war der Umstand, dass er gerade deswegen ein Single war und auf Ewigkeiten bleiben würde und dass Typen wie er, das (un-) glückliche Händchen für genau diese Kaste Frauen hatten. Die betrogene und inzwischen vom Feuer der Sonne geheilte Sandra warf Giovanni den Liebesgott hochkantig aus der frisch bezogenen Wohnung und flirtete unter dem Motto »was Du kannst, kann ich noch besser« mit den Bauarbeitern vor ihrem Haus, was Igor in seiner Theorie bestätigte und während Giovanni jammernd oberhalb des »Kral Kebabs« eine Notunterkunft fand und Abends die weiblichen Gäste bezirte. «Wase solle ich sonste machen in diese kalte Land? Aber isch kanne trotzedeme diese Frauen nischt verstehen!» Igor und Mustafa nickten zustimmend und ergänzten, dass es im Grunde genommen piepegal sei, woher man(n) stammte, aber eine Frau zu verstehen ungefähr dem Umstand gleichkäme, aus dem Globus ein Polygon formen zu wollen und eine friedliche Welt daraus zu machen. Ein Ding der Unmöglichkeit. «Frag mich, mein Freund,», bestätigte Mustafa: «eine Frau, vier Töchter und nur die halbherzige Unterstützung eines Sohnes, den sie aber auch schon unter ihrer Fuchtel haben! Kommt, wir trinken Raki. Frau Schwendimann, stossen Sie mit uns an, das fördert die Durchblutung, ist ein altes türkisches Hausrezept.» Pröschtli.
Mustafa aus Ankara war vor 30 Jahren im Zuge eines Studentenausfluges als Tourist durch die Schweiz gereist und hatte sich spontan und heftig in das Land mit den hohen Bergen, glasklaren Seen und dem putzigen Dialekt, den er zwar nicht verstand aber dennoch mochte, verliebt. So beschloss er, sich von seiner türkischen Heimat zu verabschieden und seine Existenz neu zu gründen. Ob es zu oft regnete, die Sonne zu selten schien und niemand vor den Häusern auf Bänken sass, um mit den Passanten zu plaudern, störte ihn nicht sonderlich. So schlug er eines Tages seine Zelte in Hells Kitchen auf, begrüsste Frau Schwendimann mit einem herzlichen Lächeln sowie einem Baklava-Teller und stellte sich als Mustafa aus Ankara vor, der einen tollen Job in einer Uhrenfabrik erhalten hatte und sich auf sein neues Leben freute. Nach ein paar Jahren harter Arbeit und viel Erspartem, eröffnete Mustafa seinen Kebab-Laden »Kral Kebab«, was so viel wie »Königs Kebab« bedeutet, heiratete die schöne Melek aus Kusadasi (die Geburtsstätte der schönsten aller Türkinnen) und feierte ein rauschendes Nach-Hochzeitsfest mit sämtlichen Nachbarn und Bewohnern aus Hells Kitchen. Frau Schwendimann blieb der Sause zwar demonstrativ fern, verfolgte aber vom Balkon aus und in Gesellschaft ihrer beiden Gspänli Wilhelm Tell und General Guisan, argwöhnisch die feiernden Partygäste. Die Nummer des Notrufs hatte sie vorsichtshalber schon eingestellt, falls ein Dürüm Feuer fing, eine Rauferei entstand oder durch die Lautstärke von Tarkans «Kiss Kiss» ihre akkurat an die Wände gehängten Stiche prähistorischer Hells Kitchen-Landschaftsbilder, von den Wänden krachten.
«Wir haben Europa vor den Osmanen bewahrt, bei uns hockten sie 500 Jahre lang, haben die Hälfte unseres Wortschatzes und der Rezepte geklaut, bevor wir sie wieder losgeworden sind! Und wie danken sie es uns? Indem sie die Unabhängigkeit des Kosovo, Serbiens Herzstück, anerkennen und uns noch weniger akzeptieren! Das ist nicht gut!» War es in der Tat nicht. Doch hatten die Osmanen den Serben weitaus mehr hinterlassen, als diese jemals eingestehen würden und verfolgte man vereinzelte Stammbäume, tief in deren Verästelungen orientalische Namen wie Severioglu lesbar wären, die heute als griechisch orthodoxe Severovic gehandelt würde. Aber nicht nur deswegen schwabbelte eine Wolke des Unbehagens über den Köpfen der Menschheit. Politik ist die grösste aller Huren, sagt man. 
