Waren Sie schon ein Mal in Hells Kitchen? Nein? Kaum zu glauben. Hells Kitchen befindet sich weder in Amerika noch handelt es sich dabei um den geheimen Schlemmertempel der gefürchteten Motorradgang Hells Angels. Teufels Küche entsteht meistens überall dort, wo sich mehr als zwei Menschen aufhalten, in einer Beziehung welcher Art auch immer zu einander stehen, aneinander vorbei laufen, sich anlächeln, anrempeln, etwas sagen, nichts sagen oder was auch immer tun. Oder eben nicht tun.
Das Hells Kitchen, von dem ich Ihnen erzähle, befindet sich 298 Meter über Meer und beherbergt einen Ausländeranteil von 36.9 Prozent. Was bei Frau Schwendimann Venenverengung, Herzrasen und Migräneanfälle verursacht. Betrachtet man sich die geschichtlichen Aspekte dieser ländlichen Gegend, erstaunt der Zuwachs Einwanderer nicht, denn schon in den frühen Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, hatte sich eine romanische Sprachinsel inmitten der einwandernden Alemannen gebildet, die zwischen Keltischen Grabhügeln, Überresten aus der Jungsteinzeit, Grundmauern römischer Gutshöfe und Grabfunden aus dem frühen Mittelalter, ihre Tauschgeschäfte verrichtete und Wein kelterte. Man pilgerte schon damals in diesen kleinen, zwischen Wäldern eingebetteten Ort und weder das grosse Beben von Basel noch sonstige Irrungen und Wirrungen konnten die multikulturellen Schwingungen des Ortes erschüttern. Als der deutsche Kaiser Friedrich III eine immerwährende Steuerfreiheit und das Recht erliess, vom ersten bis dritten Oktober des Jahres einen Markt abzuhalten, waren der Zuwanderung reiselustiger Nicht-Schweizer keine Grenzen mehr gesetzt. Bevor eine Glückswelle Ihren Körper durchströmt und Sie in Gedanken einen Umzug nach Hells Kitchen planen, weil Sie dem irrtümlichen Glauben aufgesessen sind, es handle sich dabei um das wirklich letzte Steuerparadies auf Erden – vergessen Sie es. Es gibt tatsächlich Dinge in diesem kleinen Land Schweiz, die in der Tat geändert werden. Schneller, als einem lieb ist.
Im Laufe der Jahre hatte sich die beschauliche Schweizer Kleinstadt in ein Hells Kitchen entwickelt, das sich immer mehr veränderte und ausweitete. So wie eine Küche eben, in der sich immer mehr Gewürze, Töpfe, Pfannen und Kartoffelschäler ansammeln und wenn sich mehr als nur ein Koch darin befindet, das Ringen um das Regiment der Küche beginnt. Und wie Gewürze einem Essen erst den richtigen Pfiff verpassen, sind es in einer Stadt, einem Quartier, einer Strasse oder einem Haus, deren Bewohner. Meine Nachbarn. Welche Rolle ich dabei spiele? Die einer nicht immer stillen Beobachterin und Erzählerin. Ich bin Lucy Lu. Cosmopolit und Raucherin. Woher ich ursprünglich stamme? Vom Planeten Erde. Obwohl ich manchmal nachts in den Himmel starre und konzentriert lausche, ob ich nicht Schallwellen empfange, die mir signalisieren, dass ich im Grunde genommen die Bürgerin eines anderen Planeten bin und man mich wieder zurück beamen möchte. Mission erfüllt, Menschenkinder gesehen, also nix wie weg. Nichts desto trotz ist es in Hells Kitchen äusserst amüsant und ich muss gestehen, dass einige meiner Nachbarn mein Leben, auf welche Art auch immer, bereichern. Auch wenn es nur dazu dient, immer öfter nachts rauchend auf dem Balkon zu stehen und auf ein extraterritoriales Space Taxi inklusive One-way-Ticket zu warten.
Fortsetzung…Hells Kitchens Ureinwohner
Author: Lucy LuII